„Wert des Lebens – Gedenken – Lernen – Begreifen“

 

Dauerausstellung im Schloss Hartheim bei Linz

© Margit Roy, 2007

Landesanstalt Hartheim

Schloss Hartheim ist eine historische Gedenkstätte, ein Ort der Geschichte und somit ein Ort der Erinnerung, eine Stätte des Gedenkens und ein Mahnmal. Das Renaissanceschloss war vor der Übernahme durch die Nationalsozialisten im Jahre 1938 eine Pflegeeinrichtung für behinderte Menschen. Camillo Fürst Starhemberg schenkte das Anwesen im Jahre 1896 dem 1892 gegründeten     Oberösterreichischen Landes-Wohltätigkeitsverein, mit der Auflage hier ein Heim für „Schwach- und Blödsinnige, Cretinösen und Idioten“ zu errichten. Die Betreuung dieser Menschen übernahmen die Barmherzigen Schwestern vom Hl. Vinzenz von Paul. Im Dezember 1938 wurde der Oberösterreichische Wohltätigkeitsverein aufgelöst und bereits im Februar 1939 wurde Schloss Hartheim und Gutshof samt Inventar sowie Barvermögen der Gauverwaltung übertragen. Im März 1940 wurde damit begonnen, das Schloss zu einer Euthanasieanstalt umzubauen. 
Schloss Hartheim war eine von sechs Euthanasieanstalten des Dritten Reiches. Im Rahmen der nationalsozialistischen Rassepolitik, als Beitrag zu einer idealen, gesunden und überlegenen Volksgemeinschaft, sollten hier „geistig und körperlich Minderwertige“ ermordet werden. Jeder Mensch, der Pflege brauchte und somit dem Reich auch finanziell zur Last fiel, wurde in diesem System als „lebensunwert“ angesehen.  In dem, auf das Datum des Kriegsausbruches mit 1. September 1939 rückdatiertem, so genannten „Gnadentoderlass“ gab Hitler das Signal zum Beginn der Euthanasie-Aktion T4, die nach der Adresse der Organisationszentrale in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin benannt wurde.  Schon im September 1939 wurden unter dem Vorwand einer statistischen Erhebung an sämtliche Heil- und Pflegeanstalten, psychiatrische Kliniken, Alten- und Siechenheime, Meldebögen zur Erfassung der Patienten verschickt.  Aufgrund dieser Daten wählten eigene T4-Gutachter, anstaltsfremde Ärzte, die Opfer aus, die der „Aktion T4“ zugeführt werden sollten. Gleichzeitig wurde an der Logistik des Massenmordes gearbeitet. Man entschied sich für die effizienteste Tötungsmethode, für die Vergasung durch Kohlenmonoxyd in eigenen Tötungsanstalten. Zu diesem Zweck wurden sechs Tötungsanstalten eingerichtet, eine davon war die „Landesanstalt Hartheim“ bei Linz. Allein von Mai 1940 bis August 1941, dem Zeitpunkt, als die Aktion auf Grund der wachsenden Beunruhigung der Bevölkerung und der Proteste von katholischen und evangelischen Geistlichen, auf Befehl Hitlers gestoppt wurde,  wurden in Hartheim 18.269 körperlich und geistig behinderte sowie psychisch kranke Menschen ermordet und verbrannt. In weiteren Phasen wurden in Hartheim im Rahmen der so genannten „Aktion 14f13“ noch mehrere tausend arbeitsunfähige und rassenideologisch abgelehnte KZ-Häftlinge aus Mauthausen und Dachau sowie Zwangsarbeiter ermordet, so dass bis Ende 1944 nahezu 30.000 Menschen in der Euthanasieanstalt Hartheim durch Giftgas ermordet wurden.

 

Lern- und Gedenkort Hartheim

Im Jahre 1948 wurde das Schloss an den oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverein zurückgegeben. In den Nachkriegsjahren erinnerten nur privat angebrachte Gedenktafeln an die Morde im Schloss. 1969 entstand in zwei Räumen – Aufnahmeraum und Gaskammer -  erstmals eine Gedenkstätte für die Euthanasieopfer. Achtundzwanzig Jahre später, im Jahre 1997, wurde vom Land Oberösterreich und vom oberösterreichischen Landeswohltätigkeitsverein ein neues Konzept für die künftige Nutzung entwickelt. Nach der Sanierung und einer neuen Gestaltung der Gedenkstätte, wurde im Mai 2003 mit der Ausstellung „Wert des Lebens“ und der Gedenkstätte für die Opfer der NS-Euthanasie der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim neu eröffnet. Erstmals wurden alle Räume, in denen der Tötungsablauf durchgeführt wurde, als authentische Orte in die Gedenkstätte einbezogen. Der oberösterreichische Künstler Herbert Friedl gestaltete den letzten Weg der Betroffenen von außen nach innen: vom Ort der Ankunft zum Aufnahmeraum bzw. Fotoraum, weiter über eine stegartige Konstruktion durch den Vergasungsraum, den Gasflaschenraum, den Leichenraum in den Verbrennungsraum. Der Weg endet dann in einem Raum der Stille, zum Gedenken an die Opfer, zur Meditation und zum Gebet. Es wurde keine Rekonstruktion im Sinne von Nachbauten vorgenommen, es wurde nicht inszenierend eingegriffen. Die Gedenkräume präsentieren sich dem Besucher nicht als schmerzvoll befangene Denkmalstätte, sondern als  „Leere“. Ziel der Präsentation ist es, durch abstrahierende Gestaltung der  historischen Räumlichkeiten, eine Möglichkeit der Annäherung und Auseinandersetzung mit der Thematik zu erlauben und die Geschehnisse ins Gedächtnis zurückzurufen. In den ehemaligen Funktionsräumen werden dem Besucher umfassende historische Informationen zur NS- Euthanasie geboten und es wird die Rolle von Schloss Hartheim im System der NS-Euthanasie aufgezeigt. Einen weiteren Bestandteil der Gedenkstätte bilden der ehemalige „Busschuppen“ an der Westseite des Schlosses und jener Teil des Gartens in dem menschliche Überreste – Asche und Knochenreste -  gefunden wurden. Dieser Gartenbereich wurde zum Friedhof erklärt. Weiteres zeigt die Dauerausstellung „Wert des Lebens“  die Situation von behinderten Menschen,  beginnend vom Zeitalter der Aufklärung über das 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart.  Der Bogen spannt sich von der Einteilung der Menschen in ökonomisch „brauchbare“ und „unbrauchbare Menschen“ am Beginn der Industriegesellschaft im 19. Jahrhundert über Schloss Hartheim als Höhepunkt und negativem Extrem bis hin zur Gegenwart und den aktuellen Forderungen nach gesellschaftlicher Gleichstellung behinderter Menschen. Weitere Schwerpunkte der Dauerausstellung bilden die nationalsozialistische Erbgesundheitslehre und Euthanasie, die Behindertenfürsorge in Oberösterreich im Zeitraum von 1850 bis 1938 sowie die aktuelle Situation von behinderten Menschen in unserer Gesellschaft. Ziel des Projektes ist unter anderem, dem Besucher zu zeigen, dass es auch von der Haltung und vom Handeln jedes Einzelnen abhängt, welche Richtung zukünftige Entwicklungen nehmen. 

 

Eugenik und Euthanasie

Im Zeitalter der Industrialisierung hatte sich das Proletariat als Teil der bürgerlichen Gesellschaft konstituiert. Die Menschen, die im Produktionsprozess nicht brauchbar waren, wurden, wie in den Jahrhunderten vorher, von kirchlichen karitativen Organisationen versorgt. Die „soziale Frage“ war ein Synonym für die Problematik dieser Menschen.  Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die „soziale Frage“ vielfach mit dem  Blick auf die Eugenik diskutiert, welche von Francis Galton, einem Cousin von Charles Darwin, begründet wurde. Er studierte die Vererbung intellektueller Eigenschaften mit dem Ziel, durch die Anwendung des Darwinschen Selektionsprinzips, eine biologische Verbesserung der Menschen zu erreichen. Er empfahl eine Vermehrung von „biologisch hervorragenden“ Individuen. Im 19. Jahrhundert wurde diese Vorstellung der Menschenzüchtung vor dem Hintergrund einer vermeintlichen Bedrohung  der „weißen Rasse“ durch Degeneration und Entartung  viel diskutiert. In Deutschland wurde die Eugenik als Sozialtechnologie allgemein populär, sie war in allen politischen Parteien vertreten. Durch die Verbindung von Eugenik und moderner Medizin wurde eine Lösung der „sozialen Frage“  möglich. Deutsche Ärzte entwickelten Programme zur Sterilisation „Minderwertiger“ und diskutierten schon vor dem Ersten Weltkrieg offen über zwangsweise Sterilisation und Euthanasie. Der medizinische Sozialreformer August Forel schrieb um die Jahrhundertwende: „Durch Recht und Religion beherrscht und die soziale Hygiene vernachlässigend, verlangt die Medizin von den Ärzten, dass sie selbst das elendste Geschöpf so lange am Leben erhalten, als nur möglich. […] Als Ärzte haben wir leider die Pflicht, das Leben der Idioten, der Entarteten, der geborenen Verbrecher und der Irrsinnigen so lange wie möglich zu erhalten; wir sind  sogar verpflichtet, viele derselben, die sich selbst töten möchten, daran zu hindern.“  Das Thema der existenziellen Bedrohung der weißen Rasse durch eine „Degeneration im Inneren“ bildet  um die Jahrhundertwende ein zentrales Element. Durch die Menschenverluste im Ersten Weltkrieg wurde dieses Thema noch schärfer diskutiert. Während junge gesunde Männer im Krieg ihr Leben lassen mussten und damit ihre wertvolle Erbsubstanz verloren war, konnten sich die „Minderwertigen“ grenzenlos vermehren. Durch die Errichtung eines umfassenden Systems staatlicher Sozialfürsorge rückten Maßnahmen der eugenischen Sozialpolitik in den Hintergrund. Doch Sozialpolitiker und Mediziner beschäftigten sich weiterhin mit Themen wie Geburtenregelung und Menschenökonomie, Zuchtwahl und Auslese. Die meisten gesellschaftlich relevanten Bewegungen waren gegenüber dem Einsatz eugenischer Instrumente in der Sozialpolitik positiv eingestellt. Die Wirtschaftskrise in den späten zwanziger Jahren nahm dem Sozialstaat die finanzielle Basis. Damit konnte die staatliche Unterstützung immer seltener gewährt werden. Die ökonomische Nützlichkeit des Einzelnen wurde in dieser Situation immer wichtiger. Es wurde laut über eine Lösung des „sozialen Problems“ nachgedacht und zunehmend darüber diskutiert, ob und wieweit die „Minderwertigen“ überhaupt noch staatliche Fürsorgemittel erhalten sollen. Eugenische Maßnahmen waren in diesem Fall  die kostengünstigere Alternative.

 

Eugenik und Euthanasie im Dritten Reich

Kurz nach der Machtergreifung Hitlers am 30. Januar 1933 erschien das Gesetz zur „Verhütung erbkranken Nachwuchses“. Betroffene mit angeborenem Schwachsinn, Schizophrenie, manisch Depressive, aber auch Blinde, Taube und körperlich Missgebildete wurden erfasst.  Frauen, bei denen die Gefahr bestand, erbkranken Nachwuchs zur Welt zu bringen, wurden zwangsweise sterilisiert. Insgesamt wurden von 1934 bis 1945 etwa 400.000 Menschen auf Grund dieser neuen gesetzlichen Bestimmungen sterilisiert. Ab 1939 sank die Zahl der Sterilisationen schnell, in Kürze sollte die Euthanasie das Hauptinstrument zur „Ausmerzung der Minderwertigen“ werden. Hitler soll zu dieser Zeit bereits  in privaten Kreisen die Ansicht geäußert haben, „[…] wenn ein Krieg sein soll, er die Euthanasiefrage aufgreifen und durchführen werde, denn die Befreiung des Volkes von der Last der Geisteskranken sei im Krieg, wenn alle Welt auf den Gang der Kampfhandlungen schaut und der Wert des Menschenlebens ohnehin minder schwer wiegt, leichter zu bewerkstelligen. […].“ Fanatiker stellten öffentlich Kostenrechnungen auf, wonach ein Krüppel die Allgemeinheit täglich sechs RM kosten würde, eine Arbeiterfamilie dagegen mit nur fünf RM auskommen müsse. So wurden die Lebensmittelzuteilungen für die deutschen Behindertenheime ständig vermindert. Bei Kriegsausbruch, am 1. September 1939, erließ Hitler einen geheimen Führererlass, in dem er Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt beauftragte, „die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischster Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann.“  

 

Definition Eugenik:

Es handelt sich um die Wissenschaft vom gesunden Erbgut, d.h. die Menschen werden in zwei Klassen geteilt. Die Gesunden, Arbeitsfähigen mit gesundem Erbgut und die „minderwertigen“ Behinderten, die, weil sie keinen Nutzen für die Gesellschaft bringen, getötet werden müssen. Diese Ansicht wurde in den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts besonders populär und später auch von den Nationalsozialisten im Dritten Reich aufgegriffen.

 

Definition Euthanasie:

Der Begriff stammt aus dem Griechischen und bedeutet „schöner Tod“. Mit Euthanasie bezeichnet man Verfahren wie die Erleichterung von Sterben, den Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen (passive Euthanasie), die bewusste Beschleunigung des Sterbens oder direkte Verursachung des Todes  Sterbender (aktive Euthanasie,) mit ihrer oder ohne ihre Einwilligung. Die Tötung schwacher, kranker, körperlich und geistig behinderter Neugeborener, als Maßnahme zur Erbpflege, die Tötung von unheilbar Kranken und Behinderten aus Mitleid, sowie die Tötung von Langzeitpatienten in psychiatrischen Anstalten, die als behandlungsunfähig galten, aus Gründen der Kostenersparnis wird fälschlicherweise auch als Euthanasie bezeichnet (Vernichtung lebensunwerten Lebens).

 

Literatur:

Wert des Lebens – Gedenken – Lernen – Begreifen, Begleitpublikation zur Ausstellung des Landes OÖ in Schloss Hartheim 2003, hrsg. v. Institut für Gesellschafts- und Sozialpolitik an der Johannes Kepler Universität Linz, Linz 2003.