Die Hutterer

Erinnerungsorte der Täufer in Tirol

© Margit Roy, 2007
Beiträge von Margt Roy aus dem Buch

Verbrannte Visionen?
von
Astrid von Schlachta
Ellionor Forster
Giovanni Merola

Rattenberg

Mandat vom 5. März 1528: Trotz aller ausgegebenen Befehle zur Abstellung der Wiedertaufe unterstehen sich die Principale der Sekte in der Herrschaft Rattenberg in Tälern und Einöden von Haus zu Haus zu gehen und die verführerischen Lehren der Sekte auszubreiten. Der König befiehlt deshalb, der Bergrichter möge in den Orten, die seiner Verwaltung unterstehen, öffentlich verkünden lassen, dass es bei Strafe an Gut und Leben verboten sei, solche Prinzipale oder dergleichen verdächtige Personen zu beherbergen, sie seien vielmehr sofort der Obrigkeit anzuzeigen.

Die erste Blüte der täuferischen Bewegung in Tirol fällt etwa in das Jahrzehnt nach 1527. Überall in Tirol gab es Anhänger der neuen Lehre. Zentren bildeten das Unterinntal, insbesondere aber Rattenberg. Vereinzelt konnte die Obrigkeit überführte Täufer zum Widerruf ihrer Anschauungen bewegen, meistens aber waren die Täufer nicht zum „Abfall“ ihrer Lehren bereit und mussten dafür den Tod erleiden. Der erste „Ketzer“ wurde in Tirol zu Beginn des Jahres 1528 in Rattenberg verbrannt; es handelte sich um den aus Vöcklabruck stammenden Leonhard Schiemer. Innerhalb einiger Jahrzehnte folgten diesem viele Märtyrer in den Tod, unter ihnen viele Frauen. Die Anhänger des neuen Glaubens rekrutierten sich vor allem aus den unteren Volksschichten, aus Bauern und Handwerkern.  
Rattenberg gehörte bis 1504 zu Bayern und wurde von Bayern-Landshut aus verwaltet. Erst am Ende des bayerisch-pfälzischen Erbfolgekrieges wurde es an Tirol abgetreten. Die Burg in Rattenberg war im 16. Jahrhundert eine der bedeutendsten Festungen des Unterinntals. Im Jahr 1503 war sie unter Herzog Georg dem Reichen von Bayern und nach 1504 von Maximilian I. wesentlich vergrößert worden. Auf einer Felsplatte entstand damals das „Obere Schloss“. Hier befand sich die „Arme-Sünder-Zelle“, in der die zum Tode Verurteilten auf ihre Hinrichtung warteten. Allein in den Jahren zwischen 1528 und 1540 wurden 71 Täufer in Rattenberg hingerichtet. Heute ist die Burg nur noch eine Ruine. Der Bergfried ist der einzige Bauteil, der aus der Zeit des 13. Jahrhunderts bis in eine Höhe von etwa 10 m erhalten geblieben ist. Ebenfalls gut erhalten ist das westliche Burgtor, das als runder Wehrturm ausgebildet ist. Auf der Festung finden jedes Jahr im Sommer Burgschauspiele statt.  

Hochgerichte

Fragen an die gefangenen Täufer: Ob er sich widertauffen hab lassen oder des willens gewesen sey, oder noch das ze thun? Von wem er darzue geraytzt sey und aus was ursachen und wann? Ob man weltliche oder geistliche oberkhait haben soll? Was sy vom sacrament des altars halten? Was sy von der gothayt Christi halten? Wie fil ir zusamen seyen khummen und wer, wann und wye und wye offt? Wer die vorgeer seien und die anfenger?Was in zu dem wesen bewegt hab?Pei wem er sich sonst hie aufgehaltn hab und was ir ratschlag und furnemen gewesen sei?

Jedes einzelne Gericht, das die Blutgerichtsbarkeit hatte, verfügte über eine eigene Richtstätte. Diese wurde das Hochgericht genannt und befand sich immer an einer gut sichtbaren Stelle. Der Galgen bestand anfänglich aus einer Holzkonstruktion, im 16. Jahrhundert wurde er in vielen Fällen durch einen Galgen mit steinernen Säulen ausgetauscht. Dabei kam es vor, dass sich Maurer weigerten, diese Arbeit zu verrichten, da sie als unehrliche Arbeit galt. Für die Erhaltung der Hochgerichte waren entweder alle Untertanen eines Gerichtes, ein bestimmtes Handwerk oder ein bestimmter Weiler bzw. Hof oder aber auch der Gerichtsinhaber zuständig. Kein Strafurteil durfte ohne Begutachtung der Regierung vollzogen werden. Rattenberg hatte zwei Hochgerichte. Eines davon befand sich östlich der Zillerbrücke bei Bruck am Ziller. Das zweite Rattenberger Hochgericht war am Maukenbach. Ab 1683 wurden alle Exekutionen in der Stadt oder beim Galgen in der Mauken (östlich von Rattenberg, an der Straße nach Kundl) durchgeführt. Das so genannte „Köpfplatzl“ in Rattenberg war in der Nähe des Schlosses, abseits der beiden Hochgerichte. Zweifelhafte Berühmtheit erwarben sich die Rattenberger Hochgerichte dadurch, dass hier am 14. Jänner 1528 der erste Täufer überhaupt in Tirol hingerichtet wurde: Lienhard Schiemer. Ihm folgten allein in Rattenberg in den folgenden Jahren insgesamt 70 Glaubensgenossen.

Hinrichtungen in Rattenberg

Täuferpatent vom 23. April 1529: ... dass  alle Täufer und Wiedergetauften, Manns- und Weibspersonen in verständigem Alter, vom natürlichen Leben zum Tode mit dem Feuer, Schwert und dergleichen nach Gelegenheit der Person ohne vorhergehende Inquisition der geistlichen Richter gerichtet und gebracht werden.
Aufgrund dieses Mandats wurden die Mitglieder der Täufer unfassbar hart verfolgt und in den folgenden Jahren verloren einige hundert Personen ihr Leben unter der Hand des Henkers. Im Unterinntal waren dies gesamt 193 Personen, davon in Rattenberg 71, Kitzbühel 68, Kufstein 22, Schwaz 20, Innsbruck 8, Hall 2 und Rotholz 2. Für die Vollstreckung der Urteile in Rattenberg war ab 1513 der Haller Scharfrichter zuständig. Ab 1528 hatte Johann Frey diese Stellung inne. In seine Amtszeit fiel der Kampf gegen die Täufer, der anfänglich sehr brutal gelenkt wurde und zu unzähligen Todesurteilen führte. Rattenberg galt beim Verhängen und Vollziehen der Todesstrafe als Beispiel für andere Gerichte. Im Kampf gegen die Täufer standen auch Massenhinrichtungen auf der Tagesordnung. So wurden am 9. Mai 1529 in Rattenberg 18 Personen hingerichtet. Unter den verurteilten Täufern befanden sich zehn Frauen, die wahrscheinlich alle ertränkt wurden. Der Tod durch Ertränken war in erster Linie eine „Frauenstrafe“. Dabei wurde die Verurteilte in einen Sack eingenäht und so lange unter Wasser gedrückt, bis sie ertrunken war. Der Höhepunkt der Hinrichtungswelle war 1539 erreicht. Ab diesem Jahr sprachen die Gerichte, die der landesfürstlichen Regierung unterstanden, nur mehr vereinzelt Todesurteile aus, meistens wurden jetzt Galeerenstrafen verhängt. Die Exekutionen betrafen in der Regel die Anführer der Täufer oder so genannte „relapsi“, also jene Personen, die sich nach einem Widerruf erneut den Täufern angeschlossen hatten.

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Schwaz

Ferdinand I. an die Regierung in Innsbruck, am 22. Mai 1529: … wie solich sect in unser furstlichen grafschaft Tirol eurer verwaltung an dem sorglichisten ort als nemblichen zu Swatz und derselben gegend den Ynnstrom abwerts treffenlich sich hauffen und oberhandt nehmen und auf heuttigen tag ob den acht hundert verporgner tauffer personen daselbst sein sollen. Auch derhalben under inen register oder puecher haben, darein sy sich schreyben und in der antzal nit myndern, sonder nur meren.

Im Unterinntal traten die Täufer besonders ab 1527/28 stark in Erscheinung. Ihre Anhänger wurden von Anfang an mit großer Härte verfolgt. Im Mandat vom 23. April 1529 wurde für alle Täufer die Todesstrafe eingeführt. Die blutige Rücksichtslosigkeit, mit der Täufer verfolgt wurden, spiegelte die Angst der Obrigkeit wider, dass die bestehende gesellschaftliche Ordnung wiederum, wie bei der soeben überstandenen bäuerlichen Rebellion, gefährdet sei. Die Bevölkerung von Schwaz verhielt sich den täuferischen Ideen gegenüber besonders freundlich. Neben den Zugewanderten fanden sich bald auch Einheimische, die die Taufe verkündeten. Von den 5000 bis 6000 Einwohnern standen zeitweise 800 unter dem Verdacht, zu den Täufern zu gehören.
Durch die Bergwerke war Schwaz schon im 15. Jahrhundert eine reiche Stadt. Von 1470 bis 1500 ließen sich eine Million Kilogramm Silber und 17.000 Tonnen Kupfer gewinnen. Das Schwazer Silber wurde in Hall in Tirol zu Münzen geprägt. Die Festung Freundsberg, eine Ritterburg aus dem 11. Jahrhundert, liegt auf einem Hügel hinter der Stadt. Die Ritter von Freundsberg gaben der Burg den Namen. Sie bescherten Schwaz auch den ersten wirtschaftlichen Aufschwung. Im Jahr 1319 wurde in Schwaz ein eigenes Landgericht errichtet und 1326 erhielt die Stadt das Privileg eines Wochenmarktes. Der wirtschaftliche Reichtum wirkte sich auch kulturell positiv aus. So gründete 1532 Hans Sachs die Meistersingerschule und der reiche Bergwerkbesitzer Jörg Stöckl errichtete 1520 im Ansitz Sigmundslust (Vomp) die erste Druckerei Tirols. Heute dient der Turm der Burg Freundsberg der Stadt Schwaz als Heimatmuseum. 

Hochgericht

Weil aber dasselbige Hochgericht nur von Holz und etwas verfault ist, so dass es nicht wohl mehr zu gebrauchen ist, wurde deshalb angeordnet, dass ein neues Hochgericht wie zu Innsbruck, Hall und Rattenberg aufgemauert worden soll.

Das Hochgericht von Freundsberg/Schwaz lag nördlich des Inn am Fahrweg nach Stans an der Wegzweigung zum Abdeckerhaus.

Die Hochgerichtsbarkeit beschäftigte sich mit den schwerwiegenderen Straftaten. Seitdem sich die peinlichen Strafen im Strafsystem durchgesetzt hatten, wandelte sich das Hochgericht in ein Blutgericht. Es war zuständig für Mord, Totschlag, Raub, Diebstahl, Notzucht und Brand. Der Hochrichter verhängte sowohl Todes- als auch Verstümmelungsstrafen, also blutige Strafen. Die Hinrichtungsformen bei einem Todesurteil unterschieden sich jeweils nach den Verbrechen. Die Vollstreckung des Urteils wurde aufgrund der öffentlichen Abschreckung oft in der Öffentlichkeit vollzogen. In ländlichen Gegenden wurden die Gehängten auch lange Zeit als Abschreckung vor Fremden gut sichtbar am Galgen gelassen. Die Verantwortung über die Erhaltung der Hochgerichte hatten die Untertanen eines Gerichts, ein bestimmtes Handwerk oder ein bestimmter Weiler bzw. Hof oder aber auch der Gerichtsinhaber.

Im Jahr 1524 beschwerte sich der Haller Scharfrichter Stefan Ruef, dass das Hochgericht in Schwaz/Freundsberg total verfallen sei. Daraufhin beauftrage die Regierung den Richter, einen Galgen aus hölzernen Säulen errichten zu lassen. Ab April 1528 war das Hochgericht Freundsberg dem Haller Scharfrichter Johann Frey zugeteilt. Schon bald nach seiner Renovierung konnte das Hochgericht benutzt werden. Am 2. Februar richtete man den Täufer Hans Schlaffer hin. In den folgenden Jahren folgten ihm viele seiner Glaubensgenossen in den Märtyrertod. Als 1557 der Holzgalgen neuerlich morsch und unbrauchbar war, bekam das Hochgericht Schwaz einen gemauerten Galgen. Von den 200 Hinrichtungen, die er an Täufern vornehmen musste, fielen 20 auf Schwaz.

Verfolgung der Täufer in Schwaz

Die Verfolgung der Täufer oder Personen, die im Verdacht standen, Anhänger der Täuferbewegung zu sein, wurde schriftlich dokumentiert. Es gab einen regen Schriftverkehr zwischen dem Land- bzw. Bergrichter und der Regierung in Innsbruck. Kein Strafurteil durfte ohne Einverständnis der Regierung vollzogen werden. In den diesbezüglichen Schreiben an die Strafgerichte wurde immer derselbe Schlusssatz angefügt, dass sie den Prozeß gebührend formieren und dann selbigen uns vor der Veröffentlichung des Urteils zur Einsichtnahme überschicken sollten. Wurden Verdächtige festgenommen und als Täufer identifiziert, versuchte man, ihn oder sie zum Abschwören ihres Glaubens zu bewegen. War dies erfolgreich und widerriefen die Delinquenten ihren Glauben, konnten sie auf eine Begnadigung hoffen. Allerdings kam dies nicht so häufig vor. Aus vielen Verhörprotokollen der Täufer geht ein großes Maß an Festigkeit im Glauben hervor, wie auch ein Schreiben Ferdinands I. an die Regierung in Innsbruck zeigt. Am 2. Juli 1529 äußerte er seine Bedenken über das Anwachsen der Täufer, die so hartnäckig auf ihrem Glauben beharren würden, daß man sie nur schwer davon abbringen könnte.
Einige Auszüge aus dem zeitgenössischen Schriftverkehr zwischen der Regierung in Innsbruck und dem Land- bzw. Bergrichter in Schwaz werfen ein Licht auf die Maßnahmen zur Verfolgung der Täufer:

6. Dezember 1527, Regierung an Gabriel Weidacher, Bergrichter von Schwaz, und an Sigmund Capeller, Landrichter von Freundsberg: Sie mögen auf die von ihnen gemeldeten Täufer ihr besonderes Augenmerk richten, in erster Linie auf den Schichtmeister (Stefan Lederer) und beobachten, wer zu nacht bei ihm aus- und eingeht.

29. Mai 1529, Innsbruck, Regierung an Bartlme Anngst, Richter von Rattenberg: Der Richter möge die in Rattenberg gefangen liegenden Täufer peinlich befragen, wer in Schwaz zu ihrer Sekte gehöre, die sich dort auf 800 Anhänger belaufen soll. Diese sollten mit Namen und Beruf angegeben werden.

31. Mai 1530, Regierung an Sigmund Capeller, Landrichter von Freundsberg und an Cristan Noel, Bergrichter von Schwaz: Es handelt sich um zwei Erzknappen, der eine hat Erz im Falkenstein gestohlen, der andere ist Täufer. Dieser soll vor die Geschworenen gestellt und peinlich verhört werden auf Grund der üblichen Fragen. Des Täufers Weib soll auch befragt werden, warum sie ihr vier Wochen altes Kind nicht zur Taufe gebracht habe; sollte dies nur aus Furcht vor dem Manne gewesen sein, sollte sich der Richter mit der Taufe des Kindes begnügen; sei aber die Frau Täuferin, soll sie auch gefangen genommen werden.

15. Juni 1531, Regierung an Sigmund Capeller, Landrichter von Freundsberg: Sie habe das Schreiben des Richters vom 13. Juni empfangen, in dem er von der Vollziehung des Urteils an den sechs Täufern Nachricht gibt, die Männer seien mit dem Schwert, die Frauen mit dem Wasser gerichtet worden.

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