Über das Studium der Geschichte

 

Friedrich Schiller
„Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“

© Margit Roy, 2006

 

Friedrich Schiller (1759 - 1805) schreibt neben seinen Dramen in den Jahren 1786 bis 1792 auch historische Werke. Geweckt wurde sein Interesse speziell bei der Beschäftigung mit seinem Drama „Don Carlos“. Eine seiner Historiographien, „Der Abfall der Niederlande“, bringt ihm eine Geschichtsprofessur in Jena ein. Zu Beginn dieser Vorlesungstätigkeit schreibt er seine Antrittsrede „Was heißt und zum welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ Auf dieses Werk werde ich im Folgenden näher eingehen.

Schillers historische Werke sind vorrangig nicht historische Meisterwerke, sondern literarische. Schiller ist nicht Teil der Ausbildung der historisch-kritischen Methode der entstehenden Geschichtswissenschaft, er ist „philosophischer Geist“, der Geschichte nicht als Konglomerat von Bruchstücken ansieht, sondern diese Bruchstücke zu einem Ganzen verbinden möchte. Nach Auseinandersetzung mit Kants „Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht“ beantwortet Schiller die Identitätsfrage „So waren wir… was sind wir jetzt?“ nicht national, sondern aufklärerisch-gattungsgeschichtlich. Schiller sieht die Funktion der Universalgeschichte vor allem in der Aufhebung der absoluten Zeitgrenzen. Seiner Meinung nach wird so das Individuum aus seinem engen Lebenskreis genommen und in die Gesamtheit der Geschichte der Menschheit gesetzt. Die Universalgeschichte verwischt so „die Grenzen von Geburt und Tod“. Diese Gesamtheit der Weltgeschichte kann aber nicht von jedermann erfasst werden. Im Speziellen schließt Schiller hiervon „Brotgelehrte“ aus und spricht diese Leistung den „philosophischen Geistern“ zu. Davon ausgehend entwirft Schiller eine Psychologie von Gelehrtentypen, produktiven und unproduktiven Gelehrten, den oben genannten philosophischen Köpfen und den Brotgelehrten. Nun zu Schillers Antrittsrede, die genau auf diesen Diskurs eingeht. 

 

Eine akademische Antrittsrede „Was heißt und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?“ 

„Erfreuend und ehrenvoll ist mir der Auftrag […], an Ihrer Seite künftig ein Feld zu durchwandern, das dem denkenden Betrachter so viele Gegenstände des Unterrichts, dem tätigen Weltmann so herrliche Muster zur Nachahmung, dem Philosophen so wichtige Aufschlüsse und jedem ohne Unterschied so reiche Quellen des edelsten Vergnügens eröffnet – das große weite Feld der allgemeinen Geschichte.“

Schiller sieht sich im Rahmen seiner Vorlesungstätigkeit als Träger der Geschichte und auch als Träger der Wahrheit. Historisches Wissen weiterzugeben und Sorge zu tragen, dass sich der Wert des Wissens in den Händen anderer nicht verringert, ist seine Aufgabe. Geschichte ist eine Thematik, die jeden angeht, die jeden begleitet und die Teil eines jeden ist, wie auch jeder Teil der Geschichte ist. Schiller ist es nun zu Beginn seiner Tätigkeit wichtig, die verschiedenen Beweggründe und die verschiedenen Wege eines werdenden Historikers zu klären. Er möchte sich mit den Studierenden „über diesen Zweck ihrer Studien“ einverstehen.

Schiller unterscheidet jetzt zwischen „Brotgelehrten“ und „philosophischen Köpfen“. Denn schon der Lehrplan sieht bei diesen beiden Typen von Gelehrten verschieden aus. Jemand, der seine Gedankenkraft nur in Bewegung bringt, um das ihm Vorgegebene zu lernen und zu erfüllen und der nur deshalb Vorgegebenes lernt und erfüllt, dass er später Vorteile daraus zieht, ein Amt gewinnt und seine Sucht nach Anerkennung stillen kann, studiert nur die so genannten Brotstudien, das unbedingt Notwendige, das Unerlässliche, und lässt die Studien aus, die den Geist nur als Geist erfüllen, die den Geist und die Leidenschaft des philosophischen Kopfes entfachen und mit denen die die Wissenschaft im Endeffekt erst wachsen kann.

Der Brotgelehrte beendet sein Studium, indem er alles von ihm Verlangte hinter sich bringt. Er verlässt sein Studium mit dem großen Ziel, alles Gelernte nicht zu vergessen und nichts Neues zu lernen, wodurch das Alte in Vergessenheit geraten könnte oder schlimmer noch, wodurch das Alte ins Wanken geraten könnte. Weiters liegt es ihm daran, sein Wissen nach außen hin zur Schau zu tragen. War doch Ruhm einer seiner Beweggründe, das Studium überhaupt erst aufzunehmen. Der Brotgelehrte findet seinen Lohn nicht in einer Arbeit, nicht in seinem Wissen und nicht in seinem Wissbegieren, das er neuerlich zu stillen vermögen könnte. Er findet seinen Lohn lediglich in Form von Anerkennung und finanzieller Entlohnung. So hat der Brotgelehrte in den Augen Schillers umsonst gelernt, gearbeitet, gelebt. Beklagenswert ist einer, der mit den „edelsten aller Werkzeuge, mit Wissenschaft und Kunst, nichts Höheres will“. Noch beklagenswerter findet Schiller das Genie, das auf falschem Wege wandelt. Ein philosophischer Kopf, der das Leben eines Brotgelehrten fristet, der in der Berufswissenschaft die Freude an der Wissenschaft verliert, der keinen Sinn in seinem Tun sieht und Sinnlosigkeit doch nicht ertragen kann. Sein Genie lehnt sich gegen seine Bestimmung auf. Er fühlt sich herausgerissen aus dem Zusammenhang der Dinge, weil er es unterlassen hat, seine Tätigkeit an das große Ganze der Welt anzuschließen.

Anders der dritte Typus der Gelehrten: der philosophische Kopf. Dort, wo der Brotgelehrte sorgfältig trennt, sucht der philosophische Geist zu verbinden, zu vervollkommnen. Grenzen zu vereinigen, um sein Wissen zu vergrößern, um die Dinge nicht in Bruchstücken sehen zu müssen, sondern in ihrer Gesamtheit wahrnehmen zu können, ist sein Anliegen. Der philosophische Kopf blickt erst befriedigt über die Wissenschaft (oder Kunst), wenn er über ein harmonisches Ganzes blicken kann. Anders auch reagiert der philosophische Geist auf neue Entdeckungen auf seinem Gebiet. Der Brotgelehrte ist niedergeschlagen und ängstlich. Der philosophische Geist ist entzückt. Er setzt den letzten noch fehlenden Stein an sein Gedankengebäude oder zertrümmert sein fehlerhaftes Gedankengebäude, um es mit der neuen Erkenntnis neu aufbauen zu können. Die Wahrheit wird immer über das System gestellt. So findet der philosophische Kopf in seiner Arbeit und seinem Fleiß selbst seinen Lohn und seine Befriedigung. Der Unterschied zwischen Brotgelehrtem und philosophischen Kopf ist also, dass der Brotgelehrte im Großen nur das Kleine sieht und der philosophische Kopf im Gegensatz dazu im Kleinen das Große wahrnimmt.

Die Weltgeschichte, die wir haben und die den Studierenden vorgetragen wird, ist die Geschichte der Welt von ihrem Anbeginn an bis heute. Die Geschichte ist abhängig von der Armut oder dem Reichtum an Quellen zu der jeweiligen Epoche und Begebenheit. So ist es natürlich, dass die Geschichte immer wieder Lücken aufweist, die zu füllen es zu einem späteren Zeitpunkt mit neuen Erkenntnissen gilt. So ist der Gang der Welt bildlich vergleichbar mit einem Fluss, während die Weltgeschichte bisweilen nur einzelne Wellen des Flusses beleuchtet. Diese Wellen in der Gesamtheit des Flusses zu sehen ist das Ziel eines Historikers. Um die Ansammlung von Bruchstücken zu einem Gesamten vereinigen zu können, eilt einem der philosophische Verstand zu Hilfe. „Seine Beglaubigung dazu liegt in der Gleichförmigkeit und unveränderlichen Einheit der Naturgesetze und des menschlichen Gemüts, welche Einheit Ursache ist, dass die Ereignisse des entferntesten Altertums, unter dem Zusammenfluss ähnlicher Umstände von außen, in den neuesten Zeitläufen wiederkehren“. So kann also ein Schluss von der Gegenwart in die Vergangenheit gezogen werden.

Wird nun das Vergangene und das Gegenwärtige des Öfteren miteinander verknüpft, kann es dazu kommen, dass Ursache und Wirkung, die ineinander greifen, von Mittel und Absicht abgelöst werden. So kommt es auch, dass eine Erscheinung nach der anderen sich aneinander reiht in diesem schönen Ganzen, ohne dass das nächste Glied vielleicht wirklich passt (d.h. es passt in der Phantasie des schönen Ganzen, nicht aber realistisch betrachtet!). So nimmt der philosophische Geist die Harmonie aus sich und nicht aus dem Weltgeschehen. Vieles wird bestätigt, vieles scheint widerlegt zu sein, doch so lange die Frage nach der tatsächlichen Wahrheit nicht geklärt ist, erklärt er die Frage für unentschieden. So kann die Meinung in ihm siegen, die ihm besser gefällt. Dies birgt natürlich die Gefahr in sich, dass Geschichtsforscher leicht in Versuchung geraten, den historischen Begebenheiten Gewalt anzutun. Die glückliche Epoche für die Weltgeschichte wird so weiter entfernt, indem man sie beschleunigen will.

So ist das Studium der Geschichte mit aufgeschlossenem Geiste begeisternd und entfachend. Die Grenzen von Geburt und Tod, die erdrückende Enge des menschlichen Lebens verschwinden im großen Ganzen der Weltgeschichte, die das Leben optisch verbreitert. Während der Mensch sich wandelt und oftmals flieht, ist die Weltgeschichte immer da - wie eine „unsterbliche Bürgerin aller Nationen und aller Zeiten“. Die Erforschung und Betrachtung der Geschichte führt dazu, dass wir die Vergangenheit nicht verherrlicht, sondern real sehen können. Dass unser Zeitalter das ist, was es ist, hängt nur von den vorhergehenden Epochen mit ihren spezifischen Ereignissen ab. Erst durch die Geschichte können wir verstehen, können wir sehen und wertschätzen.

Schiller schließt seine Antrittsrede mit der Aufforderung ab, dass zwar jeder einzelne sein Schicksal annimmt, sich jedoch immer im Klaren ist, dass er Herr seines Schicksals ist und das Beste daraus machen kann. Wir müssen das Vermächtnis von Wahrheit, das wir von unserer Vorwelt aufnehmen können, an unsere Nachwelt weitergeben.

 

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„Erziehung heißt nicht, einen Eimer zu füllen, sondern ein Feuer zu entfachen.“

Ich schließe mich in vielem der Meinung Schillers an. Es macht keinen Sinn, etwas zu studieren (oder zu tun), weil man dadurch eine gewisse Position in der Gesellschaft erreichen kann. Nur mit Leidenschaft und Hingabe kann ein jeder von uns gut in seinem Schaffen sein und Befriedigung darin erlagen. Stillstand lässt das bisher Erreichte an Wert verlieren – Weiterentwicklung ist unerlässlich für einen „philosophischen Geist“! Ebenso steht es um die Kritikfähigkeit. Hat man seine gedankliche Konstruktion zu einem Thema aufgebaut, so muss man zeitlebens darauf gefasst sein, dass es neue Erkenntnisse geben kann, die die Theorie vielleicht ergänzen, vervollständigen, bestätigen oder auch umwerfen. Diese neuen Erkenntnisse darf man nicht ignorieren, sondern muss sie annehmen, aufnehmen und weiter verarbeiten.