Trikulturelles Europa? Geschichte der Juden, Muslime und Christen in der Neuzeit

 

Juden und Muslime im Zeitalter der Aufklärung

© Margit Roy, 2006

Inhaltsverzeichnis

Vorwort
1       I s l a m
1.1       Religion und Staat
1.2       Begegnung mit dem Westen
1.3       Politisch-religiöse Reformer des 19. Jahrhunderts
1.4       Menschenrechte
1.5       Zusammenfassung
2       J u d e n t u m
2.1       Die Lage der Juden am Ausgang des Mittelalters
2.2       Die Lage der Juden in Deutschland
2.3       Die Sephardim und Aschkenasim in Holland
2.4       Die Juden Wiens
2.5       Die Juden in Italien
2.6       Die Juden im Osmanischen Reich
2.7       Zusammenfassung
3       Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Philosophie der Aufklärung ist ein europäisches Kulturphänomen, das sich hauptsächlich in der Zeit des 18. Jahrhunderts in Frankreich wie auch in Deutschland entwickelte. In Frankreich breitete sich die Bewegung sehr schnell aus und innerhalb kürzester Zeit war die Mehrheit der Gesellschaft von den neuen Ideen beeinflusst. Auch in Deutschland zeigten die Ideen nachhaltig Wirkungen, jedoch wurden Staat und Gesellschaft nicht im gleichen Maße von der Bewegung durchdrungen. Aufklärer kritisierten Politik und noch mehr die Religion.
Die Aufklärungsbewegung räumte mit der alten Ordnung in ihrer Gesamtheit auf. Die Philosophie der Aufklärung wurde Grundlage und Ausgangspunkt des modernen abendländischen Denkens.  Im Mittelpunkt dieser Ideologie standen die Vernunft des Menschen, sowie die Forderung nach Selbständigkeit im Denken und Handeln. Nach Jahrhunderten der Leicht- und Abergläubigkeit wurde nun alles bewusst in Frage gestellt und kritisch hinterfragt.  Der Esprit der Aufklärung entfaltete sich auch über Europa hinaus.   
Der bedeutendste Schriftsteller der deutschen Aufklärung war Gotthold Ephraim Lessing (1729 – 1781). Er beschäftigte sich u.a. mit der Frage der Religion und ihrer Bedeutung für die Menschheit. In seiner Erzählung „Ringparabel“ forderte er zu religiöser Toleranz und praktischer Humanität auf. Diese Botschaften sind auch heute noch aktuell. Seit seiner Zeit hatte in Europa ein Prozess der Säkularisierung stattgefunden, eine fortschreitende Verweltlichung mit der Verdrängung kirchlicher Autoritäten.
Zwar wirkten Religion und staatliche Ordnung bezüglich vieler Themen im Interesse der Gesellschaft gemeinsam, jedoch behielt sich die Staatsgewalt die Aufsicht über die Religion ihrer Untertanen vor.
In der islamischen Welt hatte die Aufklärung zunächst keinen Einfluss auf die Politik. Erst ein halbes Jahrhundert später zeigten sich erste Spuren der neuen Denkweise. Doch je mehr  sich die europäischen Kultur in der islamischen Welt entwickelte, desto mehr sah man die Ideologie der Aufklärung als Abwendung von den Grundlagen des Islam und stieß auf Ablehnung.  Dennoch sind die Auswirkungen der Aufklärung in der islamischen Welt  heute in weiten Teilen der Gesellschaft, besonders in intellektuellen Kreisen,  spürbar.


1       I s l a m
1.1       Religion und Staat

Ein zentrales Problem der islamischen Welt ist, dass es keine wirkliche Trennung von Religion und Staat gibt. Von Beginn an wurde der islamische  Staat  von Muslimen gelenkt.  Die islamische Religion entfaltete sich im 7. Jahrhundert n. Chr. gemeinsam mit einem Staatswesen auf der Arabischen Halbinsel. Als Staats- und Gesetzesreligion musste der Islam die Beziehungen zwischen den Menschen regeln und eine wirksame Verwaltung errichten. 

Die herrschende Kultur der islamischen Welt ist eine religiöse Kultur, gebunden an religiöse Sitten und Werte, an religiöses Wissen und Bewusstsein und eine religiöse Vorstellungswelt. Wichtigste Bezugsperson des Einzelnen ist Gott, gefolgt von seinem irdischen Stellvertreter, dem Herrscher. Der wichtigste Aspekt in der Bewertung eines Menschen sind sein Glaube oder sein Unglaube und im politischen Leben Loyalität oder Opposition.

Die Bewegungen, die als Fundamentalismus bezeichnet werden, sind nicht an den Ursprüngen im Sinne der lebendigen Wurzeln unserer Kultur interessiert. Für sie sind diese Wurzeln vielmehr unveränderliche Gesetze, die nicht übertreten und nicht ignoriert werden dürfen. Die Fundmentalisten versuchen das Vergangene in die Gegenwart zu projizieren. Wir sehen hier eine totale Abkehr von der Vernunft.

Alles was anders ist, anders denkend, anders handelnd, anders glaubend wird verachtet und verfolgt. Die Gesellschaft wird zu einem durch Offenbarung diktierten Gebilde. Die Religion wird auf Riten reduziert und verliert so ihren Sinn. Für den Islam steht die Welt still. Die Politik wird als sakraler Akt gelebt. Die Erde soll dem Himmel gleichen. So gehört auch eine Reinigung der Gesellschaft dazu. Das Töten ist für den Fundamentalisten kein Verbrechen, sondern er glaubt daran, dass er die Gesellschaft besser macht, indem der Ungläubige sie nicht mehr verschmutzt. Es gibt auch kein irdisches Recht, das eine Person vor dem Urteil des göttlichen Gesetzes retten könnte. Menschenrechte sind mit diesem Lebensmodell, das doch an den Menschen selbst nicht glaubt, nicht vereinbar.

Im Islam ist die Geschichte an ihrem Ende angekommen. Das Denken wird reduziert auf eine Annullierung des Fragens. Das freie Individuum wird ersetzt durch den Text der göttlichen Offenbarung. Die Religion gibt Antwort auf alle Fragen und wird gepriesen. Religion und Kultur werden zur Kunst des Verschleierns, nicht des Entschleierns. In solch einer Gesellschaft ist es nicht erwünscht neugierig zu sein. Forschung wird gehemmt. In der islamischen Gesellschaft sind es die Menschen gewohnt, sich zu unterwerfen, denn  es  fehlen ihnen die Erfahrungen der Emanzipation, sowie der Freiheit.

Im 7. Jahrhundert nach Christus verkündete Prophet Mohammed die islamische Offenbarung, die als Summe des arabischen Weltbildes und als Ausdruck endgültiger Wahrheit über den Menschen aufgefasst wurde. Der Ursprung ist das Beständige und das ewig Unveränderliche. Die Gegenwart wird einer vergangenen Epoche gleichgesetzt und erstarrt dadurch zum Gespenst der Vergangenheit. Das Individuum existiert nur durch ein anderes Individuum, das der Ahnenzeit angehört. Die Religion ist eine Institution, die weder Veränderung, noch Fortschritt oder eigenes Denken zulässt. Sie behindert die Freiheit der Menschen und lässt ihnen keine  eigene Identität und keine individuellen Rechte. Kreativität, Kritik, Modernität  werden als Bruch mit dem Ursprung gesehen.

Der Koran hat alles gesagt und der Mensch hat den Regeln des heiligen Buches zu folgen. So stehen muslimische Intellektuelle vor einem schwierigen, wenn nicht vor einem unlösbaren Problem.

 Muslimische Denker führen oft einen verzweifelten Überlebenskampf. Ihre Schriften werden zensiert oder verboten.  Viele von ihnen müssen im Exil leben. Doch trotz all dieser Probleme gab es immer wieder politisch-religiöse Strömungen, die für neue Ideen offen waren und versuchten mit der Zeit Schritt zu halten. Jedoch konnten sie sich gegen die traditionellen Kräfte nie durchsetzen.  

 

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