Mykene, Troia und die Griechen

 

Zu und über Kurt Raaflaub
Die Bedeutung der Dark Ages: Mykene, Troia und die Griechen

© Margit Roy, 2005

 

Neben Ausgrabungsfunden stellen Dichtungen wie die homerischen Epen die wichtigsten Quellen für Altertumsforscher (dieses Gebietes) dar. Mehr noch als Fundstücke, die oft mehrere Interpretationen zulassen, führen jedoch die - aus mündlicher Überlieferung entstandenen – Dichtungen Homers zu umstrittenen Fragen. Die wichtigste: die Frage nach der historischen Wahrheit in den homerischen Epen. Dieser Frage stellt sich Kurt Raaflaub in „Die Bedeutung der Dark Ages: Mykene, Troia und die Griechen“.
In der Diskussion über die neuen Ausgrabungsfunde von Troia und weiterer Quellen zur Geschichte Anatoliens in der Bronzezeit sind vor allem zwei Punkte zu klären:

  • die Größe und Funktion Troias sowie
  • die Bedeutung der neuen Befunde für die Frage der Historizität des Troianischen Krieges (= Ilias-Handlung).

Kurt Raaflaub beleuchtet nun jeden Punkt von mehreren Seiten – er leitet mit Fragen ein (so dass auch jeder Leser gleich zum kritischen Mitdenken eingeladen wird), weist auf Meinungen anderer Forscher hin und gibt seine kund. Weiters erläutert er – als Argumentation – den erforschten geschichtlichen Hintergrund und hinterfragt jegliche Spekulation.
Zunächst geht es um die Identifikation Troias. Eine These besagt, dass Troia – das homerische Ilios – gleichzusetzen ist mit dem – in hethitischen Quellen bezeugten – Wilusa. Eine weitere ist, dass der Hügel von Hisarlik das homerische Troia ist. Gewiss ist zweitere und, dass Homer die Gegend Troias selbst kannte. Die Frage lautet nun: Kennt Homer nur den Namen Troias aus Überlieferungen oder auch den geschichtlichen Hintergrund, den Troianischen Krieg?
Durch die mündliche Überlieferung der Geschehnisse könnten leicht inhaltliche Veränderungen entstanden sein. Der von Kurt Raaflaub zitierte Joachim Latacz hält dies aufgrund der Überlieferungsform, der Hexameterdichtung, für unwahrscheinlich. Raaflaub selbst ist anderer Meinung. Wie es die Forschung im Falle anderer mythischer Erzählungen aufgezeigt hat, ist es oft der Fall und auch mehr als wahrscheinlich, dass der Inhalt einer Erzählung im Laufe der Zeit sehr wohl verändert wird. Er wird verformt, ergänzt, etc. Wie schon erwähnt, steht fest, dass Homer die Gegend Troias, den Ruinenhügel mit seinen gewaltigen Mauerresten, selbst kannte. Möglich ist also, dass sich um die Ruine Troias und sein griechisches Gegenstück Mykene über Generationen hinweg ein Mythos entwickelte, aus dem heraus die Troia-Geschichte entstand.
Unwahrscheinlich ist es für Raaflaub, dass diese, die Troia-Geschichte, in der Bronzezeit spielt. Um dies zu untermauern führt er in die Art und Weise der Kriegsführung sowie in die soziale Welt der verschiedenen Zeiten ein. Beginnend bei der Bronzezeit.
Quellen wie Ruinen, Gräber, Bilder und die Linear B-Texte geben uns Einblick in kriegstechnische Aspekte Griechenlands in der Bronzezeit. Zu sehen sind die Bewaffnung der Krieger, Streitwagen, marschierende Soldaten sowie verschiedene Kampfszenen. Plünderungs- und Raubzüge gehörten zum Alltag. Das meiste dieser Zeit bleibt uns allerdings verschlossen, da schriftliche Quellen fehlen. Fest steht nur, dass die Festlandgriechen mit der Eroberung Kretas zu einer ägäischen Macht aufstiegen und dass diplomatische Verhältnisse sowie Handelsbeziehungen zwischen Griechenland, Ägypten, Vorderasien und Anatolien bestanden.
Da nun ebensolche Kämpfe und Plünderungszüge in den homerischen Epen beschrieben werden, wird oftmals versucht, einen Zusammenhang zwischen den epischen und den bronzezeitlichen Befunden herzustellen. Nicht zu vergessen ist aber, dass Homer all dieses Wissen nicht aus Überlieferungen erhalten haben muss, sondern dass ihm all dies auch aus seiner Zeit bekannt war, z.B. von Miniaturfresken, und er es auch so hat einfließen lassen können. Weiters werden zwar durch außergriechische Quellen Analogien  der Namen Ilios / Troia offenkundig und auch werden die Achäer gemeinsam mit Wilusa genannt, jedoch erwähnt Homer in seinen Epen andere – weitaus wichtigere – Tatsachen nicht, wie z.B. dass die Hethiter zu den wichtigsten Verbündeten Troias zählten. Genau betrachtet würde es nun nicht sinnvoll erscheinen, dass Mykene unter dem Achäerkönig zu diesem Zeitpunkt, in der Endphase der Bronzezeit, einen Kriegszug gegen Troia unternommen hätte. So kommt Raaflaub zu dem Schluss, dass Latacz’ Theorie bezüglich der unveränderbaren Hexameterdichtung nicht korrekt sein kann.
Als nächstes taucht Raaflaub in die Archaische Periode ein. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts brechen die Dark Ages herein. Durch eine Katastrophenflut werden die meisten mykenischen Paläste zerstört. Und mit ihnen, da diese die Zentren in wirtschaftlicher, politischer und sozialer Hinsicht waren, werden auch die staatlichen Strukturen zerstört. Die Schrift verschwindet, die Bevölkerung verringert sich massiv. Es folgt eine kurze Zeit der Besserung, in der sich kleine „Fürstentümer“ herausbildeten, bevor der tatsächliche Untergang vonstatten ging. Es kam zur weiteren Verarmung, der Ackerbau wurde wieder von der Viehzucht abgelöst. Es prägte sich ein zumindest teilweise nomadisches Hirtentum aus.
In der darauf folgenden Zeit, der protogeometrischen und geometrischen Zeit, vollzieht sich eine strukturelle Veränderung. Innerhalb kürzester Zeit nehmen Bevölkerung und Siedlungsdichte zu, der Getreide- und Olivenanbau treten wieder in den Vordergrund. Voraussetzung und Folge dessen ist, dass das Land, der Besitz und die Bindung an Grund und Boden wieder an Bedeutung gewinnen. Aus dieser neuen Sesshaftigkeit  entwickeln sich erst kleine Siedlungen, später die Polis. Die Kontakte zur Außenwelt mehren sich und die Schrift wird wieder eingeführt. Jetzt aber in einer Form, die das schriftliche Festhalten von Ereignissen ermöglichte. Damit war auch der Grundstein für Literatur gelegt. All diese Veränderungen wirkten sich auf die Menschen aus. Auch darauf, dass sich ihr Interesse an der Vergangenheit mehrte und die Art, wie sie sich diese vorstellten. Am Ende dieser Epoche entstanden die Epen Homers.
In den homerischen Epen spiegelt sich der Zustand der Früharchaischen Führungsschicht, der basileis, sowie auch die Art und Weise der damaligen „Kriegsverhältnisse“: Streitigkeiten zwischen den Gemeinden oder einzelnen Mächtigen und Raubzüge – wie auch in der Ilias: ein Streit (ausgelöst durch einen „Frauenraub“ führt zum kollektiv ausgetragenen Krieg).
Festzustellen ist, dass die epische Darstellung der verschiedenen Kriegsarten sich tatsächlich mit den Forschungsergebnissen anderer Quellen deckt und somit eine historische Wahrheit diesbezüglich festzuhalten ist. Der Raub- und Vergeltungskrieg zwischen Achäa und Troia entspricht also der damaligen Zeit, wird jedoch wie in der Literatur oft üblich erweitert und gesteigert erzählt. Nicht nur die Kriegsführung aber, sondern auch die Form und das Funktionieren des Gemeinwesens sowie die zwischenmenschliche Ebene entsprechen dem archaischen Zeitgeist. So findet man in der Ilias auch Impulse fremder Kulturen, wie sie in der archaischen Epoche tatsächlich ins Land einkehrten.
Nun, wenn also Handlung und Motive der Ilias in oder nahe der Entstehungszeit des Epos verwurzelt sind, ist es dann nicht auch vorstellbar, dass der Erzählhintergrund, die Geschichte des Krieges um Troia, zeitnah dingfest zu machen ist? Die eingangs erwähnte Theorie Latacz’, die den Troianischen Krieg in die Bronzezeit stellt, und als Argument die Hexameterdichtung nennt, erscheint mehr und mehr unwahrscheinlich. In der auf die Bronzezeit folgende Zeit folgt eine Veränderung auf die andere, ein wichtiges Geschehnis jagt das nächste. Das heißt zum einen, dass es wichtige, vielleicht auch erzählwürdigere Ereignisse gegeben hätte, als dieser lang vergangene Krieg, zum anderen, dass der Inhalt zweifelsohne starke Veränderungen erlebt hätte. Es ergibt sich die Annahme, wenn auch die literarische Form der Hexameterdichtung gewählt wurde, dass die homerischen Epen nichts mit der Bronzezeit zu tun haben. Wie Literatur es immer ist, sind auch die homerischen Epen ein Produkt ihrer Entstehungszeit. Sie spiegeln das soziale Umfeld, die politischen Gegebenheiten der Zeit Homers wider. In der Zeit Homers, der Zeit der polis und des Panhellenismus, wird das Interesse an der Vergangenheit größer, zumal auch Vergangenheit der Legitimation dient, und so wird die Troia-Geschichte in eine heldenhafte Zeit zurückgespielt, in der sie wahrscheinlich nicht stattgefunden hat.
Wie auch Kurt Raaflaub kommen wir zu dem Schluss, dass uns wichtige Quellen fehlen um das letzte, oder besser gesagt ein gewichtiges Wort zum Thema Troianischer Krieg sprechen zu können. Wie fast jedes literarische Werk gewähren uns die homerischen Epen Einblick in die Vergangenheit, Einblick in das Zeitalter Homers, jedoch die historische Wahrheit über den Troianischen Krieg erfahren wir nicht. So bleibt es uns nur, weiter zu diskutieren, zu thematisieren und vor allem zu forschen. Und nicht zu vergessen die homerischen Epen auch – je nach Leidenschaft an Dichtung - als literarischen Hochgenuss zu genießen.