Toleranz im Mittelalter?

 

Die Stellungnahmen des Kirchenvaters Augustinus zum Verhältnis zu Juden, Ketzern und Heiden

© Margit Roy, 2007


„Nötigt die Häretiker, von den Zäunen hereinzukommen […] draußen wendet Zwang an, damit Freiheit einzieht, sobald sie drinnen ist.“
Predigten 112,8
Knowles/Penkett, Augustinus und seine Welt, Freiburg im Breisgau 2007, S. 146.

Inhaltsverzeichnis


Vorwort
„Tolerantia“ zur Zeit des Augustinus
Zeitgeschichtlicher Hintergrund – politisch und gesellschaftlich
Lebensgeschichtlicher Hintergrund
Die Auseinandersetzungen mit den Häresien
Manichäismus
Augustinus konfrontiert die Lehre mit zwei Fragen:
a.) Wie kommt das Böse in die Welt?
b.)Wieso erleidet Hiob in seiner Ehrbarkeit ein solch erschreckendes Schicksal?
Die Donatisten
Auseinandersetzung mit den Donatisten
Augustinus und Pelagius
Augustinus gegen die Arianer
Augustinus und die Juden
Zusammenfassung
Anmerkung
Literaturverzeichnis

 

Vorwort

Geschichtlich betrachtet war das Verhältnis von Religion und Toleranz immer zwiespältig. Religionen, die im Entstehen begriffen waren, mussten zu Beginn um Toleranz für ihre eigene Identität werben, bevor sie, nach ihrer Anerkennung als führende religiöse Tradition, selbst damit konfrontiert wurden, ob und wie weit sie Toleranz für andere Religionen erlauben sollen. Wie war es um die religiöse Toleranz im Mittelalter bestellt? Gab es sie in dieser Zeit? Diese Frage ist für uns schwer zu beantworten, weil wir vom Toleranzbegriff im heutigen Sinne ausgehen. Wie gingen Christen mit Heiden und Juden um? Wie ging Augustinus mit Ketzern, Heiden und Juden um? War er, der bedeutendste Theologe des ganzen christlichen Abend­landes, tolerant oder intolerant? Ich werde dies hier durchleuchten.

„Tolerantia“ zur Zeit des Augustinus

 In der Zeit der Antike bezieht sich tolerantia hauptsächlich auf das Ertragen von physischen Übeln (Folter, Schmerz usw.) sowie Naturgewalten und militärische Niederlagen, nicht aber auf Duldung anders denkender Menschen. Augustinus macht aus tolerantia eine soziale Grundtugend, die für die Einheit des Christentums Voraussetzung ist. Er begreift tolerantia als ein mit Liebe geduldiges Ertragen von Menschen mit anderer Glaubensauffassung. In seinem Werk „Über die wahre Religion“ erzählt uns Augustinus, die Kirche nehme sich aller Irrenden an, wenn sie einsehen, dass es zu ihrem eigenen Vorteil ist. Selbst die Häretiker, die der Irrlehre nicht abschwören, befindet Augustinus in seinem „Gottesstaat“ als nützlich für die christliche Lehre, da er sie als Prüfstein für die Vernunft der wahren Christen hält. Augustinus hält sich hier an den Apostel Paulus, der der Überzeugung ist,  Häresien seien  notwendig, um innerhalb der Gemeinde die Rechtschaffenen und Erprobten zu erkennen. Ein biblischer Grundsatz für Toleranz ist das Gleichnis vom Unkraut und vom Weizen mit seiner Aufforderung: „Lasst beides wachsen bis zur Ernte.“ Für Augustinus spielt dieser Leitsatz vor allem deshalb eine zentrale Rolle, weil er die Botschaft Jesu, Duldsamkeit zu üben, festigen kann. Die Häretiker vergleicht er mit dem Unkraut, die Katholiken mit der Spreu und das Unkraut zu jäten, ist allein Gott vorbehalten.
Wenn Augustinus in seinem Gottesstaat schreibt, die Kirche solle Konfrontationen mit den Ketzern als Gelegenheit des  Nachdenkens nutzen und nicht als Möglichkeit zur Abgrenzung gegenüber Andersdenken, klingt das äußerst tolerant. Allerdings findet sich bei Augustinus diesbezüglich ein Widerspruch, der sich zeigt, wenn es um Glaubensfreiheit und staatlicher Gewaltanwendung im Interesse der kirchlichen Einheit geht. So rechtfertigt Augustinus bei den Auseinandersetzungen mit den Anhängern von Bischof Donatus auch gewaltsame Mittel.

Als Nächstenliebe gilt nun nicht mehr die Duldung von Häresien, sondern ein Vorgehen gegen sie. Die Liebe zum Nächsten fordert auch ohne dessen Zustimmung die Rettung der Seele vor der ewigen Verdammnis. Diesem Gebot nicht nachzukommen wäre schlechte Toleranz. Der Ketzer richtet durch den Schrecken des Zwangs und die liebevolle Aufforderung seine Augen auf die Wahrheit und bedankt sich im Nachhinein für die Heilung der Krankheit. Damit  verteidigt Augustinus die strengen Gesetze gegen die Donatisten. In Ausnahmefällen kann es sogar notwendig sein, den Körper zu peinigen und sterben zu lassen, um die Seele zu retten. Wenn Augustinus dies auch ablehnt, so spricht er doch von zwei Arten des Todes, dem des Leibes und dem der Seele.  Der Tod des Leibes ist unabwendbar, ihm folgt aber für die wahren Christen durch Gottes Gnade die ewige Seligkeit. Wenn aber Gott eine Seele der Verdammnis überlässt, bedeutet das den Tod der Seele.

Wann immer die Theologen im Mittealter gewaltsam gegen Andersgläubige vorgehen, berufen sie sich auf Augustinus’ Toleranzbegründungen. So legitimiert ein Dekret des Gratian im Jahr 1140 das gewaltsame Vorgehen gegen Ketzer. Die strengen Maßnahmen gegen Häretiker, die Augustinus nur in besonderen Härtefällen empfiehlt, besitzen im Mittelalter eine allgemein gültige Norm.

Zeitgeschichtlicher Hintergrund – politisch und gesellschaftlich

Im vierten Jahrhundert wird das Christentum unter Kaiser Theodosius I. zur einzigen Religion, die noch erlaubter Weise im Imperium Romanum praktiziert werden darf.  Dies prägt Europa grundlegend bis in die Gegenart.  Die Völkerwanderung fällt ebenfalls in das 4. Jahrhundert (um 375). Barbarische Stämme des Nordens und Ostens fallen über viele Jahrzehnte hinweg immer wieder in das römische Reich ein. Neben Verträgen, Bündnissen und Kompromissen, wird zur Sicherung der Grenzen ein großes Heer benötigt, was sehr kostspielig ist. Um das große Reich besser zu sichern, wird es nach dem Tod des Kaisers Theodosius I. im Jahre 395 zwischen seinen Söhnen aufgeteilt. Honorius soll im Westen (Hauptstadt Rom) herrschen, Arkadius im Osten (Hauptstadt Konstantinopel).  Im Jahre 410 zerstören und plündern die Westgoten unter Alarich Rom. Das Römische Reich, für Jahrhunderte beherrschende Macht im Mittelmeerraum, befindet sich in einer lebensbedrohlichen Krise. Die Wirtschaft stagniert, die Städte zerfallen. Hohe Steuerbelastungen ruinieren die städtische Oberschicht, und führen zur Landflucht der Kleinbauern  und Pächter. Während das Weströmische Reich  dem Untergang entgegen sieht, erstarkt die Kirche als Institution.

Vom politischen Leben ausgeschlossen, suchen die Menschen verstärkt nach dem persönlichen Glück und Heil. Die Stärken des Christentums sind  psychologische Botschaften, wie Schutz, Hoffnung und Vergebung. Über all dem Leid und der Ungerechtigkeit steht ein liebevoller und barmherziger Gott, der Erlösung verspricht. Dieser Gott ist nicht greifbar, sondern nur durch den Glauben erfahrbar.  Im Christentum wird das irdische Leben abgewertet, gilt als Durchgangsstation. Das wahre Leben beginnt mit dem Tod.

 

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