Österreichische und deutsche Verlage im Exil 1933 - 1938

 

Gottfried Bermann Fischer und sein Verlag in Wien

© Margit Roy, 2007

 

Der Anfang des S. Fischer Verlags 1886

Im Spätsommer 1886 gründete Samuel Fischer seinen eigenen Verlag. Am 18. Januar 1887 erschien mit Henrik Ibsens „Rosmersholm“ das erste Werk mit dem Impressum „S. Fischer Verlag“. Schon bald entwickelte sich der S. Fischer Verlag zu einem Forum für zeitgenössische Literatur. Fischer publizierte u.a. auch Werke von Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann, George Bernard Shaw, Jacob Wassermann. Im Jahr 1925 trat der zukünftige Schwiegersohn Fischers, Gottfried Bermann, in den Verlag ein.  Anfang 1932 bot Bermann Fischer dem Redakteur der Zeitschrift „Uhu“ des Ullstein-Verlags, Peter Suhrkamp, den er im Sommer 1931 kennen gelernt hatte, die Redaktion der „Neuen Rundschau“ an. Suhrkamp sollte seine Tätigkeit im Herbst 1932 aufnehmen.

Machtübernahme der Nationalsozialisten

Bereits kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten, fanden am 10. Mai öffentliche Bücherverbrennungen statt. Darunter waren auch Bücher von Autoren des S. Fischer Verlags: Schalom Asch, Döblin, Beer-Hofmann, Schnitzler. Dieser Aufklärungsfeldzug  „Wider dem undeutschen Geist“ säuberte die öffentlichen Büchereien von Literatur, die nicht den Vorstellungen des NS-Regimes entsprach. Anschließend wurde im Börsenblatt des deutschen Buchhandels eine amtliche schwarze Liste mit 135 Autoren veröffentlicht, deren Werke aus den Volksbüchereien entfernt werden mussten. Von diesen 135 Autoren gehörten 13 zum S. Fischer Verlag: Schalom Asch, Richard Beer-Hofmann, John Dos Passos, Arthur Holitscher, Alfred Kerr, Klaus Mann und Jakob Wassermann waren mit allen Werken unerwünscht, von Alfred Döblin war alles bis auf Wallenstein, von Lernet-Holenia alles außer den Gedichten, von Schnitzler alles außer Der Weg ins Freie, usw..  Im September 1933 kam es zur Gründung der Reichskulturkammer. Wer nicht Mitglied war, durfte in Deutschland nicht publizieren und war somit vom wichtigsten Absatzmarkt und von der lebenswichtigen Einnahmequelle ausgeschlossen. Die Verlage durften nur Werke von Autoren aufnehmen, die RSK-Mitglieder waren.  Der S. Fischer Verlag war als Mitglied unter der Nr. B 13680 registriert. Für viele Schriftsteller begann eine unsichere Zeit. Um sich der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entziehen, blieb vielen von ihnen nur der Weg  ins Exil.  Werke von Autoren,  die seit Jahrzehnten dem S. Fischer Verlag angehörten, erschienen 1933 zum letzten Mal. Sie selbst hatten Deutschland bereits verlassen. So erschien z.B. Alfred Kerrs Reisebuch Eine Insel heißt Korsika, als Kerr bereits verfemt war. Es war das letzte Buch von ihm, das in Deutschland erschien.  Auch Julius Meier-Graefes Buch Geschichten neben der Kunst, das zu Weihnachten 1933 erschien, war das letzte Buch dieses Autors in dem Verlag. Er blieb mit dem Verlag weiterhin in Verbindung und im Frühjahr 1935 schickte er das Manuskript seines neuen Buches, Der Kampf um das Schloss, an den Verlag,  doch Bermann Fischer musste auf die Verlegung verzichten. René Schickeles Roman Die Witwe Bosca war ebenfalls sein letztes Buch in dem Fischer Verlag. Auch er wollte weiterhin mit dem Fischer Verlag zusammenarbeiten. Er weigerte sich den Kulturkammer-Fragebogen auszufüllen und zu unterschreiben, und so durften seine Werke vom Verlag nicht mehr verlegt werden. Er ging nach Amsterdam. Weiters erschien im Frühjahr 1933 Alfred Döblins Essayband Unser Dasein, der unter anderem den Aufsatz Wie lange noch, jüdisches Volk – Nichtvolk? enthielt. Es war Döblins letztes Buch beim Fischer Verlag. Er sandte zwar im Juni desgleichen Jahres aus dem Pariser Exil seinen neuen großen Roman Babylonische Wandlung an den  Verlag in Berlin, denn er wollte auf die deutsche Leserschaft nicht verzichten. Doch das Erscheinen des Buches war nicht mehr möglich. Im Januar 1934 schrieb Döblin aus Paris an Bermann Fischer: „Was die Lage des Verlages anlangt, so glaube ich wohl, dass sie schwer und heikel ist. Sie haben völlig recht, nicht abzubauen, bevor Sie nicht ganz klar sind – andererseits aber nicht zu spät zu handeln…“ Es stellte sich die Frage, was nun mit dem Verlag passieren sollte. Es begannen nächtliche Beratungen, die zu nichts führten. Peter Suhrkamp riet dazu, erst einmal abzuwarten. Bermann Fischer wollte seine Familie in Sicherheit bringen, er war fassungslos über die Brutalität, mit der die Nationalsozialisten gegen Juden vorgingen. Doch Samuel Fischer war von dem Ernst der Lage nicht zu überzeugen und weigerte sich, die Frage der Auswanderung auch nur zu erwägen. Ohne Fischers Zustimmung konnte Bermann Fischer nichts unternehmen, um den Verlag nach dem Ausland zu bringen. Am 15. Oktober 1934 starb Samuel Fischer im Alter von 74 Jahren in Berlin. Nun musste von Hedwig Fischer und Gottfried Bermann Fischer eine Lösung für den Verlag gefunden werden. Oskar Loerke, der seit 1925 die literarische Leitung des Verlages innehatte, schrieb am 20 Oktober in sein Tagebuch: „Mit Suhrkamp und Saenger Besprechung über die Zukunft, welche düster genug aussieht“. Gottfried Bermann Fischer schrieb in seinen Erinnerungen, er habe sich im März 1935 dazu entschlossen, den Nazis das in den Rachen zu werfen, was sie haben wollen, und dafür die Freigabe der verfemten Verlagsautoren zur Auswanderung zu erkaufen. Bermann Fischer verhandelte mit dem für Verlagsangelegenheiten zuständigen Herrn Ministerialrat Dr. Wismann. Dieser hörte sich den Plan Bermann Fischers an und stimmte ihm zu. Er erklärte, man interessiere sich für den Übergang des in Deutschland erwünschten Verlagsteiles in zuverlässige Hände. Gleichzeitig erkundigte er sich freundlich nach Herrn Suhrkamp, von dem er von seinem Neffen, der einmal Schüler des Herrn Suhrkamp gewesen war, nur Gutes gehörte hatte, und er bat ihm auszurichten, dass er ihn gerne kennen lernen wolle.  So kam es, dass die weiteren Verhandlungen mit dem Propagandaministerium von Peter Suhrkamp geführt wurden. Sie zogen sich ein Jahr hin, doch am Ende erhielt Gottfried Bermann Fischer mit seiner Familie eine Auswanderungsgenehmigung und die Werke der in Deutschland unerwünschten Autoren wurden zur Verbringung ins Ausland freigegeben. Bermann Fischer hatte als neuen Verlagsort Zürich in Erwägung gezogen. Dies scheiterte jedoch an den Schweizer Behörden, die das Ansuchen mit der Begründung „zum Schutz des Schweizerischen Verlagsbuchhandels“ ablehnte.

Der Wiener Verlag

1936 wurde der Verlag geteilt. Peter Suhrkamp übernahm die Leitung der neu gegründeten S. Fischer Verlag AG in Berlin und Gottfried Bermann Fischer ging mit einem Teil der Autoren bzw. Verlagsrechte nach Wien und gründete dort den Bermann-Fischer Verlag. Zu den Neuerscheinungen im ersten Jahr seines Bestehens gehörten u.a. Kein Krieg in Troja von Jean Giraudoux, Die gelbe Mauer von Julian Green, Mitternacht von Julien Green und Savonarola  von Ralph Roeder. Weiters erschienen Der Lauf der Asdur von Mechthilde Lichnowsky,  Die Millionärin, eine Komödie von Bernard Shaw sowie Joseph in Ägypten, der dritte Band der Romantetralogie Josef und seine Brüder,  von Thomas Mann. Zudem erhielt Bermann Fischer von Hesse als Abschiedsgeschenk seine Idylle Stunden im Garten. Thomas Mann war nochmals vertreten mit dem Essay Freud und die Zukunft, seiner Rede zu Sigmund Freuds 80. Geburtstag am 8. Mai 1936. Es erschien im Juli 1936 als erstes Buch mit dem neuen Verlagssignet. Bald zeigten Buchhandlungen, die deutschsprachige Bücher führten,  in allen europäischen Ländern, besonders England, Tschechoslowakei, Ungarn und Polen, in den USA und Kanada und Südamerika reges Interesse an der Produktion des neuen Verlages. Ein neuer Buchmarkt eröffnete sich dem Bermann Fischer Verlag.  In der von Bermann Fischer neu gegründeten Schriftenreihe „Ausblicke“ erschienen Aufsätze zur geistigen Situation der Zeit.  Neben Thomas Manns Aufsatz über Freud erschienen Nicolai Berdjajews Die menschliche Persönlichkeit und die überpersönlichen Werte, Paul Claudels Vom Wesen der holländischen Malerei sowie Robert Musils Über die Dummheit, ferner von Paul Valéry Die Politik des Geistes.  Im Jahr 1937  wurde in Wien schon fast gleich viel produziert wie in Berlin. In diesem Jahr erschienen Werke von Rudolf Borchardt, Paul Claudel, Annette Kolb, Arthur Schnitzler und Paul Valéry sowie eine Erzählung von Carl Zuckmayer, der nach dem Verkauf des Ullstein-Verlages zu Bermann Fischer gewechselt hat. Von Hugo von Hofmannsthal und Vincent van Gogh wurden Briefbände herausgegeben. Großen Erfolg brachte die Biographie Madame Curie von Eve Curie. Binnen eines halben Jahres wurden 36.000 Exemplare verkauft. Die meisten Autoren des Bermann Fischer Verlags waren Exilautoren oder sie gehörten wie Arthur Schnitzler zum Kreise der Verbotenen. Die Verlagstätigkeit von Bermann Fischer in Österreich endete abrupt am 11. März 1938. Deutsche Truppen marschierten in Österreich ein. Johlende Massen mit Hakenkreuz im Knopfloch zogen durch die Straßen. In der Nacht konnte man blutrünstiges Gebrüll hören: Juden raus … wenn Judenblut vom Messer spritzt. Gottfried Bermann Fischer flüchtete samt Familie in die Schweiz. Den Verlag, das Buchlager und das ganze persönliche Eigentum mussten sie zurück lassen. Gottfried Bermann Fischer waren aber die Autorenrechte geblieben, die er in die Schweizer Holding eingebracht hatte. Der Wert dieser Rechte hing jedoch mit der Verpflichtung des Verlegers zusammen, die Lieferbarkeit der Werke zu garantieren. Bei Nichteinhaltung gab es für den Autor oder dessen Erben die Möglichkeit, den Vertrag zu kündigen. So verlangte z.B. die Tochter Hofmannsthals, Christiane Zimmer, von Bermann Fischer Auskunft darüber, was mit dem Werk ihres Vaters passieren sollte. Auch Thomas Mann schlug im April 1938 eine Trennung vor. Er wollte die eigenen deutschen Rechte an seinen amerikanischen Verleger Alfred Knopf vergeben. Währenddessen war der Bermann Fischer Verlag in Wien unter kommissarische Verwaltung gestellt worden.